Sind wir verpflichtet, unsere Helden zu Vorbildern zu machen?

Spielberg hat Tim und Struppi verfilmt, und ganz untypisch für eine US-Produktion den saufenden Seebären Kapitän Haddock nicht etwa bowdlerisiert, sondern genau so gelassen wie er schon immer war: als Alkoholiker (siehe auch slate.com zu dem Thema). Nun ist Alkoholismus kein Spaß, sondern eine Krankheit, und man darf annehmen, dass sie ansteckend ist: nicht durch Händeschütteln wie die Grippe, aber durch sozialen Kontakt mit Trinkern, und eben auch durch die Wahrnehmung des Trinkens über die Medien. Haddock könnte also eine Art Patient Zero für die nächste Welle von Alkoholkranken sein.
Hätte Spielberg ihn deswegen verändern müssen? Hätte Hergé, der Schöpfer von Tim und Struppi, ihn anders schreiben sollen? Welche Verantwortung trägt ein Autor für seine Figuren? Dürfen Sie eine Gefahr für die Gesundheit der Leser darstellen?



Es ist ja nicht nur der Alkoholismus, der sich über Medien überträgt. Auch Selbstmorde können durch die falsche Art von Berichterstattung gehäuft auftreten - der sogenannte Werther-Effekt hat etwa zu Regeln für die Art und Weise der Schilderung in den Medien geführ. In den USA fließt Drogen- und Nikotingenuss durch Charaktäre in die Altersbeschränkung des Filmes mit ein.

Hergé hat tatsächlich in späteren Bänden (etwa "Tim und die Picaros") die Sucht Haddocks zum Thema gemacht, jedoch nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern als Element der Geschichte: Haddock ist ein unfreiwilliger Testpatient einer Wunderdroge gegen den Alkohol, die später eingesetzt wird, um die Revolutionsarmee General Alcazas kampffähig zu machen. Der Umsturz bringt dem Land San Theodoros allerdings keine Lösung seiner Probleme. Es ist als wollte Hergé sagen: ein Diktator ist so gut wie der nächste (und kein Alkohol ist auch keine Lösung).

Es ist für einen Autoren sehr verlockend, seinen Protagonisten Drogen- oder Alkoholprobleme zu verpassen:
Macken und Schwächen machen menschlich, machen sympathisch. Nichts ist so langweilig wie ein perfekter Held. Aber gerade deswegen muss man sich auch Gedanken machen, ob man sich diesen Kunstgriff auf Kosten der Gesundheit der Leser leisten darf. Es gibt immer auch andere Wege, die man wählen kann - schließlich ist der Autor Herr in seinem kleinen Universum. Der saufende Held liegt in der literatischen Trickkisten ganz oben auf. Doch hat man nicht eine Verpflichtung, es sich schwer zu machen, wenn so viel auf dem Spiel steht?

Ich persönlich liebe den Kapitän so wie er ist, und kriege jedesmal die kalte Wut, wenn jemand aus Gründen der politischen Korrektheit an gut geschriebenen Werken herumdoktert (Hergés Bände wurden erheblichen Anpassungen unterzogen, um sie ein bisschen weiter weg vom rechten Rand der Ideologie zu rücken. Er selber stand nach dem Krieg auch eine Zeit lang in Verdacht, ein Nazi-Sympathisant gewesen zu sein.) Nun kann ich mich als Fantasy-Autor nicht darauf berufen, die Welt so zu zeigen wie sie ist, und deswegen Alkohol und Alkolismus mit einzubringen (sie sind nun eben Bestandteil unserer Kultur). Ich erfinde Fabelwesen, warum dann nicht auch Nichttrinker?

Weil sie mir keiner abnehmen würde, deswegen. Wir kennen Menschen, und wissen wie sie ticken. Wir suchen nach dem Rausch, entweder als Zeitvertreib oder zur Bewältigung unseres Lebens. Manche von uns verlieren unter bestimmten Umständen die Kontrolle über ihre Suchtmittel. Eine meiner Hauptfiguren, Zoruna, hat sich durch ihren Beruf ein Loch in die Seele gebrannt, dass sie mit Alkohol zu füllen versucht (und später dann auf lebensbejahende Art und Weise mit der Liebe - pikanterweise verabreicht in Form von Wein. Wer davon mehr wissen will, kann hier mal 3 Euro in "Kopflose, Herzlose" investieren. Gibts auf Anfrage auch als Taschenbuch. Ende der Werbeeinblendung.) Ich denke, dass es mehr hilft als schadet, den Lesern diese Wahrheiten vor Augen zu führen. Wer weiß, was ihm droht, ist besser gewappnet für den Umgang damit. Und damit Prost, Kapitän!

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen